Wie kam ich von der „Energiewende“ zur Ökomoderne?

Mit diesem Startschuss zu meinem Blog will ich Euch erzählen, wie ich zu diesem Thema „Ökomoderne“ kam.

Ich war 17 Jahre alt, als am 26. April 1986 das passierte, was der Kernenergie weltweit einen Schlag versetzte, von dem sie sich bis heute nie erholen sollte: Tschernobyl. Von da an fühlten sich die zu diesem Zeitpunkt gerade erst vor drei Jahren in den Bundestag gewählten Grünen in der schon seit ihrer Gründung bestehenden Haltung bestätigt: Die Welt muss endlich aus „dem Atom“ aussteigen.

Blick vom Laufener Altenberg über Laufen zum Kernkraftwerk Fessenheim (Frankreich)
Blick von meinem Heimatort Laufen zum 11 km entfernten Kernkraftwerk Fessenheim (Frankreich) – Foto: Johannes Güntert

Ich wuchs hier im Markgräflerland, südlich von Freiburg als Sohn eines Winzermeisters auf, 11 km vom Kernkraftwerk Fessenheim und 38 km vom damals noch geplanten und bekämpften Kernkraftwerk Wyhl entfernt. Ich weiß noch ganz genau, als die Meldung über das kleine Transistorradio kam, das wir in den Reben beim „Anbinden“ mit uns trugen. Wir hatten Schauerwetter, es regnete leicht.

Südbaden ist eine der Hochburgen der Anti-Atomkraftbewegung. Die „Energierebellen“ der EWS Schönau haben jenseits unseres Hausbergs Blauen ihren Hauptsitz. So wurde ich als Kernkraftgegner sozialisiert: jeder von uns hier sah Fessenheim als Gefahr. Im Jahr 2000 war es klar: der Atomausstieg, die Energiewende und das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG)  müssen politisch und gesetzlich festgeschrieben werden. Das Ziel des Umbaus der Energiewirtschaft auf 100% Erneuerbare Energien war gesetzt.

Begeisterung für Elektromobilität – ausgelöst durch den Tesla Roadster

Ich habe mich erst 2008, mitten in meinem Berufsleben als Wirtschaftsinformatiker, wieder für das Thema interessiert – eher durch Zufall, weil meine Frau damals ein Praktikum in einer PR-Agentur absolvierte, die Unternehmen in der Branche der Erneuerbaren Energien beriet. 2008 stellte auch Tesla (damals noch Tesla Motors) seinen Roadster vor, von da an war speziell Elektromobilität mein erstes Thema in dieser Richtung – und das ist es nach wie vor.

Tesla Roadster Sport 2.5 (Tesla Motors Inc.derivative work: Mariordo, Copyrighted free use, via Wikimedia Commons)

Fukushima und Energiewende – Gründung der Bürgerenergie Südbaden eG

Auf den fruchtbaren Boden meiner bisherigen Einstellung fiel auch der zweite Atomunfall von Fukushima im März 2011. Von da an war es mir klar: 100% Erneuerbare Energien (EE) mussten her. Ich beschäftigte mich von nun an umfassend mit dem Thema Erneuerbare Energien, auch im Zusammenhang mit der Elektromobilität. 2012 sprach mich der damalige Geschäftsführer der Stadtwerke Müllheim-Staufen an, ob ich Mitgründer einer Energiegenossenschaft (BEGS) und Mitglied im Aufsichtsrat werden wolle. Seither bin ich Gründungsmitglied und hielt hier und da sogar kleine Vorträge über die Energiewende und Elektromobilität.

Tesla Model S Treff bei Wein, Essen & Laufen 2015 – Foto: Johannes Güntert

2011 stieg ich auf einen Opel Ampera um, 2014 folgte ein Tesla Model S 85 – seitdem fahren wir voll elektrisch. 2015 habe ich auch an der WAVE Trophy teilgenommen. Verbrennungsmotoren müssen durch Elektromotoren ersetzt werden, weil erst dann durch den Umstellung bei der Stromversorgung auf CO₂-freie Energiequellen auch der Verkehr automatisch mit CO₂-emissionsfrei werden kann. Sonst muss das Auto erst auf synthetische Kraftstoffe warten, und das dauert zu lange.

Der Einschnitt: Besuch der Amprion-Netzwarte Brauweiler und Tagebau Hambach

Es kam, wie es kommen musste: nachdem ich mich immer wieder einmal mit der „bösen Kernenergielobby“ von Nuklearia auf Facebook gestritten habe, erhielt ich für Oktober 2018 von einem Arbeitskollegen eine Einladung in die Netzwarte der Amprion in Brauweiler, sogar mit Vortrag und Führung durch den Leiter der Systemführung, Joachim Vanzetta, heutiger „Chair of the Board“ der ENTSO-E. Erwartungsfroh durfte ich sicher aus erster Hand bestätigt bekommen, dass wir mit der Energiewende und 100% Erneuerbare auf dem richtigen Weg sind.

Am Vortag besichtigte ich noch die Braunkohle-Misere am Tagebau Hambach mitsamt dem schwindenden Hambacher Forst – fossile Energiequellen sind und bleiben das eigentliche Problem – das war mir immer klar. Der Vortrag am Tag selbst war nüchtern und sehr aufschlussreich. Wir haben viel über Stromeinkauf und die Steuerung eines Stromnetzes gelernt und dass die Arbeit an einem Stromnetz nichts mit aufsummierten Energiemengen zu tun hat. Die Systemführung funktioniert nur mit allerhand Softwareunterstützung mit 15-minütig aktualisierten Voraussagen für die Erneuerbaren Energien, die bekanntlich Vorrang im Stromnetz haben und nach dessen Angebot sich alle Kraftwerke flexibel richten müssen – und bis jetzt noch können.

Kaum Wind, keine Sonne

Der neblige Tag selbst war für die Erneuerbaren eher ernüchternd: Kaum Wind und keine Sonne. Wir durften sogar die Hauptschaltleitung (s. Bild) besichtigen, wo sonst nur Fachleute und hochrangige Politiker exklusiv Zutritt erhalten. Die Ingenieure hatten alle Hände voll zu tun, die Braunkohle und Kernkraftwerke auf voller Last zu halten und Strom am Markt einzukaufen. Das große rot-grün-gelb-farbene Laserdisplay der Hauptschaltleitung vor uns zeigte das gesamte Netz der Amprion mit den aktuell gefahrenen Leistungswerten. Fast immer muss irgendetwas nachgeregelt werden.

„Alte“ Hauptschaltleitung (HSL) der Amprion GmbH in Brauweiler, Stand 2018
Quelle: Amprion GmbH/@livrozet.photography

Mit diesen Eindrücken im Gepäck ging es wieder nach Hause – mich mit den Nukleariern im Netz über die Energiewende streiten – so dachte ich jedenfalls.

Umdenken ist angesagt – das Ökomoderne Manifest

Der Besuch hatte mehr mit mir gemacht, als ich zuerst dachte. Was bedient denn zu jeder Zeit die Nachfrage, wenn Erneuerbare gerade nicht liefern? Die Leistung muss vorgehalten werden – wie geht das? Dauerhaft und sicher wohl nur mit der Nachfrage folgefähigen Kraftwerken.

Es muss aber alles CO2-frei sein, nur so macht es Sinn. Es war der Zeitpunkt, an dem ich mir neu Gedanken über eine Energiewende mit „100% Erneuerbar“ machen musste.

Im Zusammenhang damit weiß ich leider nicht mehr genau, wie es dazu kam, wie ich das Ökomoderne Manifest gefunden und näher angesehen habe – denn zwei Monate nach dem Besuch in Brauweiler twitterte ich dann zum ersten Mal darüber:

Der ökomoderne Ansatz sagt: wir müssen unseren schädlichen Einfluss auf die Natur vermeiden, obwohl wir Energie erzeugen und verbrauchen, Rohstoffe nutzen, Landwirtschaft betreiben und ein Leben im Wohlstand führen. Das hat mich als Konzept sehr beeindruckt, weil ich mit „DeGrowth“ (radikalen Verzicht üben und wirtschaftliches Wachstum vermeiden) noch nie etwas anfangen konnte, sondern immer schon technische Lösungen für das Problem des Klimawandels bevorzugt habe. Und nun wusste ich auch, weswegen ich mich auf der einen Anti-Kernkraft-Demo gegen Fessenheim 2011 nach Fukushima auch derart unwohl gefühlt habe. Weil es instinktiv nicht meine Art ist, derart naiv gegen Technologie zu demonstrieren.

Ich begann deshalb, auch die Kernenergie neu zu hinterfragen, mich zum aktuellen Stand zu informieren (diesen Artikel über die neue Generation von Kernkraftwerken in der Süddeutschen Zeitung teilte ich beispielsweise auf Facebook bereits am 4.12.2018) und hatte daraufhin einige Erkenntnisse. Von nun an begann ich meinen Frieden mit der Kernkraft und auch der Nuklearia zu schließen. Kernenergie selbst ist nicht der Selbstzweck in der Ökomoderne, sondern nur Mittel zum Zweck. Ich zumindest habe Antworten zu meinen Fragen „Atommüll“, Sicherheit und Kosten bekommen….

Ökomoderne beim Thema Energie heisst für mich: Kernenergie plus Erneuerbare Energien, aber ohne den fossilen Backup- und Speicher-Irrsinn.

Doch diese Themen sollen der Start für viele weitere Beiträge in diesem Blog sein, die das Wie und Warum eines ökomodernen Ansatzes gegen die Klimakrise und für den Umweltschutz erklären sollen.