Ökomoderne: Was heisst „Abkopplung von der Natur“?

Das Ökomoderne Manifest aus dem Jahre 2015 wird in einem Satz auf den Punkt gebracht: Ökomoderne ist „Entkoppelung von Naturverbrauch“ statt „Abhängigkeit von der Natur“.

Kritiker sagen, dass die Ökomoderne damit für eine Entfremdung des Menschen von der Natur stünde – weil sie das extreme Ziel verfolge, die Weltbevölkerung nur in Großstädten anzusiedeln und die Natur sich selbst zu überlassen.

Doch was ist wirklich damit gemeint?

Die Flächennutzung auf der Erde teilt sich derzeit wie folgt auf[1]Land Use, by Hannah Ritchie and Max Roser, September 2019.
https://ourworldindata.org/land-use
:

Global Use for food production, Our World in Data, 2019.

Wie wir sehen, macht die Besiedlung der Erde mit 7,89 Mrd. Menschen[2]Statistiken zur Weltbevölkerung, veröffentlicht von Bruno Urmersbach, 25.08.2021.
https://de.statista.com/themen/75/weltbevoelkerung/
mit Städten und Dörfern nur 1% der Landfläche aus. Flächen werden vorwiegend durch Landwirtschaft und Wald belegt. Ein Problem für die Natur ist die Konkurrenz von landwirtschaftlichen Nutzflächen zum Wald, der uns als CO₂-Speicher dient. Nachhaltig belassener, nicht regelmäßig abgeholzter und als Brennstoff genutzter Wald dient uns mit als dauerhafte CO₂-Senke. Natürlich kann Wald niemals die immensen fossilen CO₂-Emissionen kompensieren, doch kann er Bodenerosion vermeiden, Wasser speichern und den Boden kühlen, was zumindest das Mikroklima und das Niederschlagsverhalten über Land beeinflussen kann.

Landwirtschaft gegen Biodiversität und Wald: der reale Kampf um die Natur

Innerhalb der landwirtschaftlichen Nutzflächen (vierter Balken von oben) sehen wir aber bereits das eigentliche Problem: Nahrungsmittel aus tierischen Produkten belegen für 18 Prozent Energieausbeute aus Nahrung drei Viertel der gesamten landwirtschaftlichen Fläche für Weideland und Futtermittel, direkte Nutzpflanzen hingegen decken 82 Prozent der Energieausbeute aus Nahrung mit nur einem Viertel der Fläche. Damit liegen die Veganer also gar nicht falsch, wenn sie sagen, sie schützen damit die Natur.

In einer Studie des Bundesumweltamtes von 2013[3]Globale Landflächen und Biomasse nachhaltig und ressourcenschonend nutzen, 2013, S. 9
https://www.umweltbundesamt.de/en/publikationen/globale-landflaechen-biomasse
wird die global zur Verfügung stehende Agrarfläche weitergehend nach Fläche aufgeschlüsselt. Hierbei ist der vierte Balken aus der obigen Grafik von „Our World in Data“ mit dem zweiten Balken des Diagramms des UBA zu vergleichen:

Globale Landflächen und Biomasse nachhaltig und ressourcenschonend nutzen, 2013, S. 9

Auch hier wird deutlich, dass die Produktion von Futtermitteln direkt mit der Nahrungsmittelproduktion der Menschen konkurriert, auch wenn das Weideland nicht direkt als Ackerland genutzt werden kann. Weniger Tierhaltung auf der selben Weidefläche würde weniger Flächen für die Futtermittelproduktion in Anspruch nehmen.

Biodiversität als ein Ansatz für den Naturschutz insgesamt verlangt nach kleineren Parzellen mit verschiedenen Pflanzen darauf. Kleinere zusammenhängende Flächen sind aber kostenintensiver in der Bewirtschaftung und sind oft das Metier von kleineren Betrieben, deren Problem es aber ist, kostendeckend arbeiten zu können. Der großflächige Anbau von Energiepflanzen und Pflanzen als Futtermittel für Nutztiere wirkt der Biodiversität entgegen.

Wird dieses Land lokal noch zusätzlich für die technische Nutzung von Erneuerbaren Energien wie Windkraft und Freiflächen-Solaranlagen in Anspruch genommen, tritt dies wiederum in Konkurrenz zur landwirtschaftlichen Nutzung und Wald. Dabei ist auch Bodenversiegelung für die Zuwegung zu solchen Anlagen ein Punkt, der nicht unterschlagen werden darf.

Ökomoderne heisst nicht, Menschen aus ländlichen Gebieten zu vertreiben

Die Aufgabe eines ökomodernen Ansatzes sollte also sein, dem Menschen weiterhin seine Siedlungsgebiete auch in der jetzigen Form zuzugestehen, seien sie urban oder ländlich, seien es Hochhäuser oder Einfamilienhäuser in Dörfern.

Der weitaus größere Hebel liegt in der landwirtschaftlichen Nutzung. Verringern wir diese Flächen oder ändern wir deren Nutzung, kommt das direkt der Natur und den Waldgebieten zugute. Anfangen sollten wir bei der exzessiven Nutzung der Flächen für die Nutztierhaltung, aber auch ein Teil des Pflanzenanbaus kann mit Vertical Farming direkt in die Städte geholt werden. Diese Form der Landwirtschaft braucht aber saubere und billige Nutzenergie. Kurze Wege und geringerer Einsatz von Pflanzenschutzmitteln wären die Vorteile.

Wenn der Mensch sich von der Natur abkoppeln soll, heisst das also nicht, dass er sie weniger achten soll, sondern im Gegenteil: er muss sich insofern von ihr emanzipieren, um nicht mehr negativ von ihr abhängig zu sein – um sie in Ruhe lassen zu können.

Der Schlüssel der Ökomoderne liegt also in der Art der Nutzenergieerzeugung und in einer naturverträglichen, biodiversen, integrativen Flächennutzung der Landwirtschaft, die aber auch bezahlbare und verfügbare Energie braucht.

Quellen:

Quellen:
1 Land Use, by Hannah Ritchie and Max Roser, September 2019.
https://ourworldindata.org/land-use
2 Statistiken zur Weltbevölkerung, veröffentlicht von Bruno Urmersbach, 25.08.2021.
https://de.statista.com/themen/75/weltbevoelkerung/
3 Globale Landflächen und Biomasse nachhaltig und ressourcenschonend nutzen, 2013, S. 9
https://www.umweltbundesamt.de/en/publikationen/globale-landflaechen-biomasse

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